„Worte sind für mich ein Grundnahrungsmittel“

„Worte sind für mich ein Grundnahrungsmittel“

Veronika Pernthaner, Schauspielerin und Stückeschreiberin, Regisseurin und Geschäftsführerin des Salzburger Amateurtheaterverbandes. Wir sitzen auf dem weißen Sofa, Requisit im Theater Abtenau, wo sie noch vor kurzem bei der Farce „Und ewig rauschen die Gelder“ Regie geführt hat. Spot an und Vorhang auf für eine beeindruckende Frau, deren Leben vom Genuss der Sprache geprägt wird.
 Ein Artikel von Sylvia Schober

Foto: www.kaindl-hoenig.com

Frau Pernthaner, wie sind Sie zur Literatur gekommen?

Ich war bereits in der Grundschule literaturaffin. Deutsch war mein Lieblingsfach und ich hatte dazu das Glück, dass auch meine Lehrerin der Sprache und dem Ausdruck sehr wertschätzend gegenüberstand. Nur zuhause wurde es nicht gern gesehen, ich hatte dort Leseverbot, lediglich der Katechismus und das Schul-Lesebuch waren toleriert.

Was haben Sie dagegen unternommen?

Zum Glück hat mich meine Großmutter mit Groschenromanen versorgt, dagegen konnten die Eltern nichts machen, denn die Oma war eine Respektsperson. Ich durfte später auf ein Gymnasium weitergehen und bei der Suche nach einer geeigneten Schule schauten wir uns das Gymnasium der Ursulinen in Salzburg an. Als ich dort die Bibliothek sah, blieb mir die Luft weg. Es gelang mir, ein perfektes Pokerface aufzusetzen und mir nichts anmerken zu lassen. So durfte ich dann dort in die Schule gehen.

… und die Bibliothek erobern?

Ich habe sie geliebt! Ich habe alles, was ich in die Finger bekam, gelesen. Bestimmt habe ich mit meinen 14 Jahren nicht immer alles verstanden, aber es war der Genuss der Worte beim Lesen. Ich begann auch, Tagebuch zu schreiben und Gedichte. Aber auch die Deutschlehrer haben mich hier gefordert und gefördert.

Sie haben ja selber bereits einige Lyrikbände geschrieben?

Ich habe versucht, meine Eindrücke und Gedanken in Worte zu fassen. Ein Maler kann sie aufzeichnen, ein Komponist verwandelt sie in wunderbare Musik, aber die Bilder, die ich im Kopf habe, sind für mich auf einem Blatt Papier nicht mit Farbe, Pinsel oder Notenschlüssel umzusetzen. Ich muss sie in Geschichten fassen, Worte sind für mich ein Grundnahrungsmittel.

Neben Lyrik haben Sie bereits einige Dramen geschrieben, wie beispielsweise „Milan. Eine Reise“.

Ich mag Geschichten, Dramen und beschäftige mich mit den Dialogen.

Wie viel steckt von Ihnen selbst in diesen Geschichten?

Da ist nicht viel Autobiografisches dabei. So wie auch bei „Milan“. Es war ein Auftragswerk, da muss man sich nichts von der Seele schreiben. Es sind einfach wiederum die Worte, die mich faszinieren.

Mit diesem Stück gingen Sie ja auch tatsächlich auf Reisen?

Ja, es wurde ein internationaler Erfolg. Eigenartig und gleichzeitig schön, wenn man in London sein geschriebenes Stück in englischer Sprache auf der Bühne sieht.

Veronika Pernthaner begrüßt internationale Theatergruppen beim Festival Abtenau ist Bühne. Foto: Sylvia Schober

2010 wurden Sie mit der Inszenierung des Salzburger Adventsingens betraut. Hatten Sie kein Problem mit der Nähe seines Gründers Tobi Reiser zum Naziregime?

Als ich die Inszenierung übernahm, war das damals noch kein Thema. Wäre es so gewesen, hätte ich ganz sicher ein Problem damit gehabt.

Von der weiten Welt zurück nach Abtenau, wo Sie 1995 die Leitung des Theaters übernommen haben und mit dem Ensemble bereits beachtliche Erfolge feierten.

Die Gruppe hat sich kontinuierlich in seiner Theaterarbeit gesteigert, mittlerweile ist daraus eine ganz neue Generation erwachsen. Außerdem veranstalten wir im Zwei-Jahres-Rhythmus das Festival „Abtenau ist Bühne“ mit internationaler Beteiligung aus der Theaterwelt.

Sind Sie eine strenge Regisseurin?

Ich würde mich nicht als streng bezeichnen, mit diesem Ausdruck kann ich mich gar nicht identifizieren. Ich gehe konsequent an die Umsetzung heran, bin ernsthaft bei der Sache. Pünktlichkeit ist mir wichtig.

Pünktlichkeit ist unerlässlich?

Es heißt Theater spielen und nicht arbeiten. Dennoch ist es so, dass mein Ensemble in der Arbeitswelt viel leisten muss. Wenn wir nun gut 20 bis 30 Proben haben und
hier immer zwei bis drei Stunden einrechnen, so soll diese Zeit doch nicht vergeudet werden.

In diesem Jahr stand eine Komödie auf dem Programm. Also eher leicht zu spielen?

Komödie ist eine hohe Kunst. Sie kann sich verselbständigen und mit einem Spieler abfahren. Durch die Proben verstehen wir es, Herr über das Geschehen zu bleiben. Jedes Stolpern ist perfekt für den richtigen Augenblick in die vorgesehene Richtung einstudiert. Es ist mir wichtig, dass die Schauspieler durch ihren Auftritt nicht lächerlich wirken, nicht ihre Selbstachtung verlieren.

Hilft Ihnen dabei auch Ihre Ausbildung zur Krankenschwester für Psychiatrie und Neurologie?

Diese Tätigkeit hat viele meiner Fähigkeiten gefördert. Ich verlasse mich als Regisseurin auf meine Intuition bei der Besetzung und Umsetzung der Rollen.

Auch bei der Arbeit mit Kindern besitzen Sie ein gutes Gefühl. Sie bieten immer wieder Theaterworkshops an.

Kinder haben so viel Fantasie, es fasziniert mich, wie offen sie sind, wenn sie nur dürfen und man sie vorsichtig anleitet. Dabei kommen ungeahnte Talente zum Vorschein, vermeintlich schüchterne Kinder blühen auf der Bühne auf, extrovertierte lernen ihre Grenzen kennen.

Gilt das auch für den Sport, immerhin haben Sie recht erfolgreich den Langlaufnachwuchs trainiert?

Durchaus. Wir haben viele spielerische Elemente eingebracht, wobei es den Kindern und Jugendlichen gar nicht so bewusst war, dass sie gerade ordentlich trainieren. Die Lust, sich im Wettkampf zu messen, kam mit der Gruppendynamik von selber.

Veronika Pernthaner liest aus ihrem Buch Wünsche, das der Brite Michael Branwell ins Englische übersetzt hat genau wie ihr Drama Milan.Eine Reise. Foto: Sylvia Schober

Sie setzten sich mit dem Projekt „Buntstifte“ auch für Familien in Äthiopien ein.

Wir sind eine kleine Hilfsorganisation, die Mütter und ihre Kinder von der Straße holt, ihnen Kleinstwohnungen zur Verfügung stellt und für Berufs- sowie Schulbildung sorgt, um ihnen ein selbständiges Leben zu ermöglichen.

Bei so viel Engagement: Was ist Ihnen wichtig, wie Sie der Nachwelt in Erinnerung bleiben?

Ich lebe im Augenblick, das Hier und Jetzt ist gerade wichtig. Relevant ist nur, was wirklich sicher bleibt von einem, so wie meine beiden Kinder – die sind wichtig. Und dass das Hilfsprojekt weitergeht, das ist wichtig. Mir braucht man kein Denkmal setzen.

Foto: www.kaindl-hoenig.com

 

 

 „Es ist mir wichtig, dass
die Schauspieler ihre
Selbstachtung nicht verlieren“

Infobox Veronika Pernthaner 

Die 1964 in Abtenau geborene Veronika Pernthaner mit Wohnsitz in Hallein ist Geschäftsführerin des Salzburger Amateurtheaterverbandes. Sie ist diplomierte Krankenschwester für Psychologie und Neurologie und Mutter zweier erwachsener Kinder. Pernthaner wurde als Schauspielerin mit Preisen, wie dem Internationalen „Radio-Seefunk Preis 2005“ für ihr Schauspiel als die Frau in „Der Weibsteufel“ (Karl Schönherr), ausgezeichnet und erhielt Preise bei internationalen Gastspielen für die Darstellung der Rosa Zach in „Mein Ungeheuer“ (Felix Mitterer). 1995 übernahm sie die Leitung des Theaters Abtenau und organisiert seither internationale Theaterfestivals in Abtenau. Pernthaner veröffentlichte bisher zwei Gedichtbände („Herzstreifen“ und „Wünsche“) und arbeitete an der Inszenierung und als Autorin des Stückes „Milan. Eine Reise“ sowie für das Salzburger Adventsingen 2010. Sie ist Begründerin der österreichischen Zweigstelle von „Buntstifte – Mutter-Kind-Hilfe in Äthiopien“.

Alle Beiträge aus Gesellschaft & Kultur


Facebook Icon