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„Um Zauber geht es doch eigentlich im Leben.“

Aufgewachsen in Hallein, gearbeitet in der Welt: Gerd Braun ist Kosmopolit, weiß aber die Vorzüge der Kleinstadt Hallein zu schätzen und zu lieben. Marion Flach hat mit dem feinsinnigen und weltgewandten Confiseur gesprochen.
Ein Artikel von Marion Flach

_MG_4777Herr Braun, Sie haben in Frankreich gelernt und gelebt. Warum gerade Frankreich, warum Paris?

Gelernt habe ich in Deutschland. Paris übte aber immer schon eine große Anziehung auf mich aus. Deshalb ging ich 1963 ein Jahr zu Gaston Lenôtre, einem der bekanntesten Patissiers und Confiseure weltweit. Anschließend war ich auch noch in London.

Paris, London – die Metropolen dieser Welt. Und dann: Hallein. Was reizt Sie an der Kleinstadt?

Zunächst einmal ist das mein Elternhaus, das ich bereits in dritter Generation führe. Außerdem ist der Reiz der kleinen Stadt mindestens genauso groß wie der einer Metropole. Klar, Paris ist aufregend und hat ganz andere Dimensionen. Hier ist die gleiche Qualität gefordert, aber es ergeben sich andere Herausforderungen. Man muss sturer und kämpferischer sein. Der Prozentsatz an potenziellen Kunden ist da wie dort gleich. Aber: 2 % von 20.000 sind eben deutlich weniger als 2 % von 10 Millionen. Erfolg braucht hier mehr Hartnäckigkeit.
Der Reiz des Regionalen verbunden mit der starken Historie, der Landschaft und den Bräuchen im Jahresablauf ist für mich auch sehr groß.

Ihre Söhne, die auch schon im Geschäft sind, waren ebenfalls in Paris. Ist das bei Ihnen Familientradition?

Meine Söhne waren nicht nur in Paris, sondern u.a. auch in Wien und in der Schweiz. Im Sinne der Walz können sie unterschiedliche Stationen in ihrer Ausbildung verzeichnen.
Weiterbildung kann ganz unterschiedlich passieren. Sie können Bücher lesen und theoretische Kurse machen, können aber auch hinaus in die Welt gehen und andere Kulturen, Produkte und Lebensweisen kennen lernen. Sichtweisen ändern sich von Ort zu Ort. Wenn man selbst in einem Betrieb mitarbeitet, lernt man ganz anders. Es prägt auch die Persönlichkeit.
Ob das eine Familientradition ist? In gewisser Weise schon. Mein Großvater, der im Haus gelernt hat, ging auch auf Walz. In Deutschland, Dänemark und der Schweiz hat er an unterschiedlichen Orten jeweils ein halbes Jahr gearbeitet. Aus Bern brachte er dann meine Großmutter mit und kaufte 1912 das Haus von seinem Lehrherren. Die Walz ist wohl in der Familie und im Beruf verankert. Die Zeit in der Fremde ist sehr prägend. Man verdient nicht viel, hält sich gerade so über Wasser. Aber die Zeit ist eine Investition in sich selbst.

Sie sind ein großer Kunstliebhaber, gelten als einer der größten Sammler von Werken Josef Zenzmaiers. Kommt diese Liebe zur Kunst noch aus Ihrer Zeit in Paris?

Die ersten Begegnungen mit Kunst hatte ich schon in meiner Jugend in Hallein. Damals lernte ich Wolfgang Mittermayer kennen. Kunst vertieft sich mit den Jahren, man wird immer kritischer und stößt auf unterschiedliche Meinungen, die man annimmt oder verwirft. So ist auch meine Freundschaft zu Josef Zenzmaier entstanden. In Paris hat sich damals enorm viel für mich geöffnet. Diese Fülle und Reichhaltigkeit an Angebot war gleichzeitig auch eine Herausforderung.

Inwiefern beeinflusst Sie Ihre Kunstliebe bei Ihren Kreationen?

Wenn Kunst bedeutet, dass sie Teil der Persönlichkeit ist, fließt sie immer ein. Sie führt dazu, dass man zu anderen Beurteilungen kommt. „Ich mach Kunst“, das funktioniert aber ganz sicher nicht. Es ist vielmehr der vielbesagte Musenkuss, der Kunst ermöglicht. Gewolltes ist nicht Kunst. Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Dekoration. Handwerk hingegen kann man lernen. Es basiert auf seriösen und strengen Regeln. Das Können und Wissen kann man ausbauen und erweitern. Was man daraus macht, ist dann eben sehr unterschiedlich.

_MG_4784Sie machen daraus unter anderem Maikäfer. Warum gerade Maikäfer?

Die Maikäfer sind Teil des Versuchs, den Jahreslauf zu gestalten. Sie kommen im April. Hintergrund ist die Geschichte von Max und Moritz von Wilhelm Busch. Busch ist für mich ein kleiner Gott. Sprachlich und bildlich finde ich ihn fantastisch. Er verpackt Lebensphilosophien in kleine Geschichten.

Wir haben jetzt schon so viel über Kunst, Schokolade und den Zauber der Dinge geredet. Nun habe ich noch eine ganz andere Frage. Sie sind in Hallein aufgewachsen, leben und arbeiten hier. Was macht diese Stadt für Sie lebenswert? Was schätzen Sie an ihr?

Ich schätze an Hallein sehr, dass die Stadt echt ist. Es ist eine alte Stadt mit viel Handwerk. Leider wird der Branchenmix aber immer weniger. Hallein ist für mich auch städtebaulich und architektonisch faszinierend. Außerdem ist Hallein ins Umland eingebettet, was die spezielle Situation ausmacht. Die Frage ist schwer zu beantworten, weil ich vieles gar nicht benennen kann. Ich bin hier aufgewachsen und lebe in einem Haus, das seit 1650 durchgängig Lebzelterei, Wachszieherei und später auch Zuckerbäckerei war. All das ergibt ein Verwachsen und eine Identifikation. Es ist der Ort, an dem ich zu Hause bin.

Gibt es auch etwas in Hallein, das Sie negativ finden oder etwas, das Sie verbessern würden?

Nein, eigentlich nicht. Mich stimmt es aber nachdenklich, dass der Branchenmix zunehmend ausgedünnt wird. Branchen bilden die Identität einer Stadt. Das ist eine Entwicklung, die die Attraktivität nimmt. Immerhin macht eine Stadt aus, dass es kurze Wege gibt, eine Komplettversorgung vorhanden ist und ein sozialer Markt besteht. Die Zwischentöne sind die Bereicherung und der eigentliche Sinn einer Stadt.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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