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Tennengauer Charaktere

Der Tennengau ist vielfältig. Seine Landschaften sind eindrucksvoll, sein Kulturleben traditionsreich und seine Wirtschaft innovativ. Doch was den Tennengau vor allem auszeichnet, sind seine Charaktere – jene Menschen, die ihre Heimat prägen, altes Brauchtum bewahren und neue Ideen schaffen. Von den 58.883 Tennengauerinnen und Tennengauern hat gewiss jede und jeder eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Auf den folgenden Seiten wollen wir Ihnen einige dieser Persönlichkeiten vorstellen. Die sieben Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sei es im Kulturbereich, im Handwerk oder im Sport – sie alle tragen Tag für Tag dazu bei, dass der Tennengau seinen besonderen Charme beibehält.

Der Kultur-revolutionär

Er hat die Halleiner Kulturszene zum Leben erweckt und sie über Jahrzehnte hinweg gehegt und gepflegt. Friedl Bahner, Gründer und Leiter des Halleiner Kulturforums, schaffte etwas, das anfangs unmöglich erschien: ein eigenständiges Kulturleben in einer Stadt zu erschaffen, deren Aushängeschild stets eine Papierfabrik gewesen war. Angefangen hat alles mit dem legendären Halleiner Folk-Festival. Von Bahner organisiert, entwickelte es sich zum größten Festival dieser Art in Mitteleuropa. Damit wurde die Tennengauer Bezirkshauptstadt aus dem kulturellen Dornröschenschlaf geweckt. „Heute ist Hallein eine Kulturstadt“, sagt Bahner. Die Zahlen bestätigen das: Zwischen 1990 und 2014 besuchten rund 525.000 Besucher die Veranstaltungen des Kulturforums. Es war ein holpriger Weg, auf den Bahner zurückblickt. Die Stadt Salzburg als Kulturhochburg schlechthin liegt ja nur einen Katzensprung entfernt. Er versuchte deshalb, alternative Veranstaltungen anzubieten, anstatt das Salzburger Kulturleben zu kopieren. Eines der Halleiner Highlights war zum Beispiel die Uraufführung des umstrittenen Stückes „Die Kinder des Teufels“ von Felix Mitterer. Die Zukunft der Halleiner Kulturszene steht bislang aber noch in den Sternen. Friedl Bahner wird ab 1. Jänner mit 74 Jahren seine Tätigkeiten beim Kulturforum zurücklegen. Sein kulturelles Erbe soll durch die neue Interessensgemeinschaft „Sudhaus“ weitergeführt werden. Einen Wunsch hinterlässt Bahner seinen Nachfolgern: „Hallein braucht ein Veranstaltungshaus, ähnlich wie in Wals, Tamsweg oder Anif. Das habe ich leider nicht mehr bewirken können.“ Als Berater für jegliche Anliegen der Halleiner Kulturschaffenden wird Bahner auch weiterhin tätig sein.

Friedl Bahner

Die Handweberin

Das Zeitalter der Massenanfertigung hat die Textilanfertigung so stark beeinflusst, wie kaum eine andere Branche. Als eine von wenigen Österreicherinnen sorgt die Gollingerin Christl Seiwald tagtäglich dafür, dass die traditionelle Handweberei am Leben erhalten wird. In ihrer Werkstatt versorgt sie gemeinsam mit zwei anderen Weberinnen ihre Kunden mit handgemachten Einzelstücken. Das besondere: In jedem Teppich und Patschen steckt Natur nach Strich und Faden drinnen. Christl Seiwald verarbeitet nämlich Naturmaterialien von ausgesuchten Lieferanten aus Österreich und Deutschland. Die Handweberei Seiwald kann auf eine lange Geschichte zurück blicken. Man schrieb das Jahr 1935. Eine schwedische Weltenbummlerin zeigte Christl Seiwalds Urgroßmutter die Kunst der Handweberei. Das war der Startschuss für eine jahrzehntelange Familientradition. Großmutter Hermine Roth eröffnete später eine Werkstatt in Maxglan. Deren Tochter – Christl Seiwalds Mutter – etablierte die Werkstatt schließlich in Golling. Wunderschöne Lodenteppiche, genannt „Bauernbarockteppiche“ wurden entwickelt. Namen wie „Wastl“, „Hias“ und „Flora“ bezeichneten die Kollektionen die in gehobenen Möbelhäusern auflagen. Nach der Ausbildung zur Textiltechnikerin übernahm Christl Seiwald schließlich 1984 die Werkstatt. Neben den modernen Kollektionen kann man sich hier auch Teppiche aus selbst mitgebrachten Textilien anfertigen lassen. Die frühere Lieblingsjeans muss so nicht am Dachboden verstauben, sondern kann in einen flippigen Teppich verwandelt werden. Christl Seiwald schaffte es also, der Ära der Billigimporte zu trotzen und etablierte die Handweberei Seiwald als Anlaufstelle für Einzelanfertigungen und besondere Kundenwünsche.

Christl Seiwald

Der Biologe

Grias enk!“ Hans Burgstaller lüpft seinen Strohhut, mit dem er die Wanderer auf der Postalm begrüßt. Im Sommer geht es mit ihm auf eine lehrreiche Tour am Almblumenweg, um mehr über die Pflanzenvielfalt in Österreichs größtem Almgebiet zu erfahren.

Besonders die Orchideen haben es Hans Burgstaller angetan: „An die 20 verschiedenen Arten findet man hier im Postalmbereich, auch das Enzianvorkommen ist faszinierend“, erklärt der ehemalige Biologielehrer, „Die Vielfalt wird vorwiegend durch den hier ausgewogen sauren und basischen Untergrund bestimmt.“

1999 hat Hans Burgstaller im Rahmen eines botanischen Projekts begonnen, mit seinen damaligen Schüler-
innen und Schülern des BORG Akademiestraße, Salzburg, diesen Almblumenweg auf der Postalm anzulegen: „Die Jugendlichen waren mit solcher Begeisterung dabei, dass sie viele schulische Überstunden hier heroben machten“, erinnert er sich.

Dabei schaffte es der Lehrer, reichlich von seiner eigenen Naturliebe weiterzugeben: „Junge Menschen sind interessiert, man muss sich nur eben auch für sie interessieren und sie ernst nehmen.“ So ist es ihm in guter Erinnerung, als die Gruppe nach getaner Arbeit auf der Rückfahrt eine Höllenotter am Straßenrand entdeckte: „Wir stoppten, stiegen aus und betrachteten dieses wunderschöne Tier. Vor lauter Schauen und Diskutieren, fuhren wir erst eine Stunde später wieder weiter!“ 

2001 wurde der Almblumenweg offiziell eröffnet: „Die Schülerinnen und Schüler freuten sich über die Wertschätzung gegenüber ihrer Arbeit.“

Hans Burgstaller

Der Springreiter

Anfangs noch dem Fußball verschrieben, packte Philip Essl mit 16 Jahren die Leidenschaft zum Reiten. Sein erstes Turnier absolvierte er im benachbarten Oberösterreich, in Stadl Paura.

Dort belegte er in einem lizenzfreien Bewerb den 1. und 3. Platz. Nach diesen ersten glanzvollen Siegen war seine Zukunft im Reitsport besiegelt. Renoir, sein erstes eigenes Pferd war zu Beginn seiner Reitkarriere schon ein richtiger Professor im Reitsport und somit ein optimaler Lehrer für ihn. Denn für jeden Reit-neuling ist es sehr wichtig, Vertrauen zu Pferden aufbauen zu können um eine erfolgreiche Partnerschaft einzugehen. Die Beziehung zu seinen eigenen Pferden ist aber mehr als nur eine Partnerschaft – vielmehr ist es eine Leidenschaft, der er tagtäglich am familien-eigenen Reithof in Kuchl nachgeht. Philip Essl weiß: der beste Freund des Menschen muss nicht immer der Hund sein.

Nicht nur als Trainer macht Philip Essl sich einen Namen, sondern auch bei Turnieren mischt er immer vorne mit und macht junge Pferde mit der Turniersituation vertraut, denn die ist eine ganz andere als im vertrauten Stall.

Auf die Frage hin, was er tun würde wenn er nicht mehr reiten könnte, weiß er eine klare Antwort: „Ich will auf alle Fälle mit jungen Leuten arbeiten und Reiter sowie Pferd ausbilden. Es bereitet mir große Freude wenn man ein ganzes Jahr einen jungen Menschen und sein Pferd trainiert und schlussendlich am Turnier Siege erzielt. Da bin ich dann als Trainer viel aufgeregter als der Reiter selbst.“

Philip Essl

Die Bio-Vorreiterin

Gesunde Ernährung ist ein Thema, das jeden einzelnen von uns betrifft und genau aus diesem Grund hat Anita Teufl ihren Naturkostladen vor 23 Jahren in Kuchl eröffnet – also schon lange bevor Bio zum Lifestyle-Trend wurde. „Mir sind Themen wie Umweltbewusstsein, Ökologie und Fairtrade sehr wichtig“, erzählt sie mit leuchtenden Augen und einem Strahlen im Gesicht. Was bei ihr in die Regale und später daheim auf den Teller kommt, wird sorgfältig ausgewählt.

Vor allem durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten kann sie ihrer Kundschaft qualitativ hochwertige Produkte bieten, die unter fairen Bedingungen hergestellt werden, denn ihr ist es sehr wichtig, dass jeder ihrer Lieferanten auch von den erzeugten Produkten leben kann.

Bio-Produkte liegen derzeit ganz klar im Trend. Wie viel Bio auch wirklich hinter der Verpackung steckt, ist jedoch nicht immer klar.

Anita Teufl, die schon lange vor dem allgemeinen „Bio-Hype“ ihr Geschäft gegründet hatte, gibt zu, dass es früher einfacher war, zu unterscheiden, wo Bio nur drauf steht und wo Bio auch wirklich drinnen steckt. In ihrem Naturkostladen verkauft Anita Teufl nur Produkte von wenigen, ausgewählten Produzenten. Persönliche Beratung und qualitativ hochwertige Lebensmittel – das schätzt die Kundschaft am kleinen Kuchler Laden. Alle großen Supermarktketten stehen da hinten an.

Anita Teufl

Der Zirbentischler

Stattet man der Gemeinde Sankt Koloman einen Besuch ab, kommt man nicht umher bei der Zirbenholztischlerei von Johann Rieger vorbeizuschauen. Als Johann Rieger vor bereits 7 Jahren von der heilenden Wirkung des Zirbenholzes auf den Menschen erfuhr, hat ihn das so sehr beeindruckt dass er seinen Beruf zum Hobby gemacht hat und sich in seiner Pension ganz der Zirbenholztischlerei verschrieben hat.

Von der ländlichen Idylle umgeben taucht man ein in den intensiven Duft der Zirbe, auch die „Königin der Alpen“ genannt. Diesen besonderen Namen hat sie erhalten weil die Zirbe erst auf 1.500 Höhenmetern anzutreffen ist und Urgestein als Boden braucht. Erst unter diesen Bedingungen schafft sie es ihren besonders intensiven und heilenden Geruch entfalten zu können. Neben der Tischlerei hat er sich sein eigenes kleines Geschäft aufgebaut, in dem er mit viel Liebe zum Detail seine selbst entworfenen Produkte verkauft.

Für jeden Geschmack und jedes Alter ist etwas dabei. Von der dekorativen Wandleuchte, über Brotboxen, bis hin zu Teddybären gefüllt mit Zirbenholzspänen ist alles vertreten und natürlich dürfen auch die berühmten Zirbenholzkissen in seinem Sortiment nicht fehlen.

Wer sich seit der letzten Hitzewelle im Sommer den Winter schon sehnlichst herbei wünscht, der ist bei Johann Rieger in dem Fall bestens aufgehoben und kann nach Lust und Laune sein Weihnachtssortiment durchstöbern.

Johann Rieger

Der Gastgeber

Die Kleinen Festspiele Golling sind fest verknüpft mit einem Namen: Hermann Döllerer ist nicht nur Gastgeber aus Leidenschaft, sondern probiert gern Neues aus. Vor 16 Jahren griff er den Gedanken seines Gastes im Döllererhof auf, dem ersten Geiger der Wiener Philharmoniker, Martin Kubik: „Lade deine Stammgäste ein, diese spielen dafür auf.“ Aus den drei daraus resultierenden Konzerten wurde über die Jahre ein stattliches Programm, das mittlerweile insgesamt 16 Veranstaltungen umfasst: „Heuer können wir wirklich sehr positiv abschließen, es waren noch nie so viele Aufführungen ausverkauft“, freut sich Hermann Döllerer. Der Gastronom aus Leidenschaft hat mit dem diesjährigen Motto „Leckerbissen“ den Geschmack des Publikums und der Künstler gleichermaßen getroffen: „Viele Bekanntschaften zu Menschen aus Kunst und Kultur ergaben sich bereits davor bei uns im Restaurant. Die Kombination aus gutem Essen und das puristische Ambiente der Burg Golling, auf dem die Künstler einen intensiven Kontakt mit ihrem Publikum haben – man sitzt ja sozusagen Auge in Auge beisammen – macht vielen einen Riesenspaß.“ Einfaches Ambiente, große Künstler, treue Förderer: Das Konzept gefällt offensichtlich, immer mehr Besucher über die Grenzen des Tennengaus und Salzburgs hinaus können bei den Kleinen Festspielen auf der Burg Golling begrüßt werden: „Das Interesse an Kultur ist auch am Land mehr als vorhanden. Bei Qualität zum moderaten Preis sind Besucher durchaus geneigt, die Veranstaltungen in Golling einmal zu erleben, und sich dort Geschmack auf mehr zu holen.“ Das Motto für den nächsten Gollinger Festspielsommer steht bereits fest, „Begegnungen“ versprechen nicht nur interessante Vorträge, Lesungen und Musik, sondern noch intensiveren Kontakt und Small Talk zwischen Publikum und Künstler.

Hermann Döllerer

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