beitrag_georgenberg

Mythos Georgenberg

Der unscheinbare Georgenberg bei Kuchl hat schon viel erlebt: Die ersten Besucher kamen in der Jungsteinzeit, die letzten Zuzügler waren die seltenen Waldrappe. Dazwischen schauten die Kelten, die Römer und
der hl. Severin vorbei.
Ein Artikel von Christian Heugl
Fotos: Christian Heugl

Fotos: Christian Heugl

Der Georgenberg bei Kuchl ist ja eigentlich kein richtiger Berg: 900 Meter lang, an der weitesten Stelle 160 Meter breit und etwa 50 Meter hoch. Herausragend ist diese Erhebung im Salzachtal aber dennoch. Kaum ein anderer Ort im Land Salzburg bietet spannendere Einblicke in die regionale Besiedelungsgeschichte als dieser unscheinbare Konglomeratfelsen im flachen Salzachtal.

Prähistorische Epoche
Viele Fragen aus der vorgeschichtlichen Zeit sind noch offen, ganz klar hingegen ist die Entstehung. Die Grundlage für den einzigartigen Georgenberg schufen die vielen Gletschervorstöße, durch die das Gestein in das Flachland transportiert und hier verdichtet wurde. Der Georgenberg ist also von Anfang an ein wahrer Kraftort.
Nach dem endgültigen Rückzug der Gletscher vor rund 10.000 Jahren war die Zeit bald reif für erste Besiedlungen. Die Vorteile des Georgenberges mit einer Sichtachse vom Pass Lueg bis zum Festungsberg waren für die schutzsuchenden Nomaden ja kaum zu überbieten.
Aus der Jungsteinzeit (8.000 v. Chr.) haben sich nur wenige Spuren erhalten, bessere Einblicke erlaubt die Bronzezeit (1.800 v. Chr.). Ausgelöst durch den intensiven Kupferabbau am nahen Mitterberg bei Mühlbach führte hier ein wichtiger Handelsweg vorbei. Später wurde die Bedeutung des Kupfers als Handelsprodukt durch das Salz vom keltischen Dürrnberg abgelöst, aber die Rolle als Verkehrsknotenpunkt schmälerte das nicht.

Georgenberg-5_freiDie römische Zeit
Ganz im Gegenteil. Als die römischen Heerscharen ab 15 v. Chr. in das Land zogen, bauten sie rasch ein funktionsfähiges Straßensystem auf. Die Meilensteine zeigten die Distanzen an, daneben erlaubten die in regelmäßigen Abständen errichteten Sta-tionen den Austausch der Pferde, sowie Übernachtungsmöglichkeiten für die Reisenden und die Gelegenheit zum Einheben der Maut. Die große Station Cucullae im Nahbereich des Georgenberges war sicherlich ein florierendes Unternehmen. Von ihrer Existenz wissen wir auch aus einem Eintrag in dem berühmten Kartenwerk Tabula Peutingeriana, in dem alle Römerstraßen und somit auch die Station Cucullae verzeichnet sind. Bloß den ganz genauen Standort haben die Archäologen bisher nicht lokalisiert. Dabei gibt es unübersehbare Hinweise auf die römischen Verkehrsverhältnisse rund um Kuchl, wie etwa die auch heute noch so bezeichnete Römerstraße, die ziemlich exakt dem Originalverlauf entspricht. Dazu passend wurde ein Meilenstein beim Gut Bachrein in Jadorf gefunden (Bild rechts), ein anderer, leider verschollener im Süden von Kuchl ist wenigstens noch im Hofnamen Steinsäuler präsent. In dieser langen, über 400 Jahre andauernden, friedlichen römischen Phase war der Georgenberg vermutlich nicht dauerhaft bewohnt. Die wohlhabenden Bewohner bevorzugten Landvillen, in der Art, wie sie etwa in der Kellau nahe Golling oder bei der Modermühle nordöstlich des Georgenberges freigelegt wurden.   

Der hl. Severin
Mit dem Zerfall des weströmischen Reiches und dem damit verbundenen Abzug der Romanen begannen unruhige Zeiten und der Georgenberg war als sicheres Rückzugsgebiet wieder gefragt. Etwas Stabilität in das allgemeine Chaos brachte der Missionar und Klostergründer Severin (gest. 482). Der charismatische Einzelgänger war neben seiner Berufung zum Gottesmann ein begnadeter Diplomat und Politiker, der mit Königen genauso verhandelte, als er sich unermüdlich für das Wohl der Bevölkerung einsetzte. Als Severin nach Cucullae kam, existierte am Bergplateau bereits eine erste Urkirche. Von der Tätigkeit am Georgenberg und auch von den hier erfolgten Wundern sind wir durch die Vita Sancti Severini bestens unterrichtet, die sein Schüler Eugippius verfasste. Die Urkirche aus dem 5. Jahrhundert wurde der Reihe nach durch einen karolingischen, einen ottonischen, einen gotischen und schließlich durch den barocken Bau ersetzt, so wie er heute vor uns steht.

Hoffnungsort für alle
Der Georgenberg, die bedeutendste antike Höhensiedlung im Land Salzburg, ist aber nicht nur eine Fundgrube für Archäologen und Historiker. Für den berühmten Kuchler Bildhauer Josef Zenzmaier (geb. 1933) ist der Ort ein kleines Universum, mit all seinen Licht- und Schattenseiten. In neun bewegenden Lithographien zeichnet er die Annäherung an den sagenhaften Berg. Tanzende Vagabunden kommen dabei genauso vor wie ein unendlich beruhigendes Bild, das er Angelus nennt.
Am ehrwürdigen Georgenberg wurden schon viele Gebete erhört, für den praktisch ausgestorbenen Waldrapp wurde er sogar zum Symbol für einen Neuanfang. Genau hier, aus den Nischen auf der Südwestseite, startete der seltene Vogel zu seinem Jungfernflug über die Alpen. Zunächst noch in Begleitung eines ultraleichten Fluggerätes, aber die ersten dieser zutraulichen Ibisvögel sind schon wieder selbstständig aus den toskanischen Winterquartieren zurückgekehrt, um hier zu brüten. Ein wahres Wunder, das zu keinem Ort besser passen würde, als zum einzig-artigen Georgenberg.

Georgenberg-7

Details

Projekt Waldrapp: www.waldrapp.eu

Heimatmuseum Kuchl: Ständige Georgenberg-Schau. www.cucullis.at

Zeitreisenweg: Themenweg vom Gemeindeamt Kuchl zum Georgenberg. www.kuchl-info.at

Georgenberg-4

Der Georgenberg (rechts), so wie ihn der Kuchler Bildhauer Josef Zenzmaier sieht.

Georgenberg-3

Ein Ausschnitt aus der römischen Straßenkarte Tabula Peutingeriana. Links Iuavo (=Juvavum/Salzburg), rechts Cuculle (=Kuchl).

Georgenberg-2

Das neue Waldrappzentrum neben dem Leisengut.

Georgenberg-6

Geballte Energie am Georgenberg. Die Anfänge der Kirche gehen bis in das 5. Jahrhundert zurück.

Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon