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Ein Anschlag mit Folgen

Vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen. Mit Auswirkungen auf Salzburg, denn auch im Erzstift folgten viele Bewohner den Ideen der Reformation. Der Weg der Salzburger Emigranten führte bis nach Amerika.
Ein Artikel von Christian Heugl
Fotos: Christian Heugl

Fotos: Christian Heugl

Am 31. Oktober 1517 geschah in Wittenberg Ungeheuerliches: Martin Luther veröffentlichte 95 Thesen, in denen er seine Unzufriedenheit mit den Praktiken in der katholischen Kirche zusammenfasste. Dieser Thesenanschlag vor 500 Jahren sollte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. Dabei ging es vor allem um den Missbrauch des Ablasshandels, ein damals weit verbreitetes Mittel zur Aufbesserung der Staats- und Kirchenfinanzen. Die Sünder waren nach der Bezahlung der Ablassgebühren zwar frei von innerer, dafür extrem belastet mit äußerer, mit finanzieller Schuld. Die Botschaft Luthers war klar und eindeutig. In der These 86 etwa schreibt er: „Warum baut der Papst … die eine Kirche St. Peter nicht von seinem eigenen Geld, als von dem der armen Gläubigen?“ Die mutige Anklage verbreitete sich in Windeseile und stieß auch noch in weiter Ent-fernung auf offene Ohren und Herzen. Besonders angetan vom reformatorischen Gedankengut waren die gut organisierten Arbeiter in den Bergwerken und auch die bäuerliche Bevölkerung.

Das Erzbistum Salzburg
Thema-Protestanten-8Diese Entwicklung war für das Erzbistum Salzburg höchst brisant. Für den Landesherrn, in Salzburg ja zugleich der oberste Kirchenfürst, waren die Einkünfte aus den Bergwerken unverzichtbar für den Finanzhaushalt. Die Goldvorkommen aus dem Gasteiner- und dem Rauriser Tal waren zeitweise die höchsten in der damals bekannten Alten Welt. Im Jahre 1557 wurden alleine im Gasteiner Tal 830 Kilo Gold und 2.723 Kilo Silber abgebaut, der gesamte Handelswert der Edelmetalle lag bei rund 20 Millionen Euro. Unruhe in den Bergwerken und unter den Bauern konnte der oberste Landesherr nicht gebrauchen. Trotzdem kam es zu Aufständen und Bauernkriegen, denen Verhaftungen und erste Ausweisungen folgen sollten.

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Dürrnberg.

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Dürrnberg.

Die Protestanten vom Dürrnberg
Das Salz vom Dürrnberg war für die Erzbischöfe ebenfalls Goldes wert. Durch das geschickte Durchsetzen von Machtinteressen wurde mit dem Salzhandel sogar phasenweise eine Monopolstellung erzielt. Das Wohl der Dürrnberger Knappen lag den Erzbischöfen daher besonders am Herzen.
In diesem Zusammenhang ist wohl auch der Bau der prachtvollen Wallfahrtskirche Maria Dürrnberg zu sehen, den Erzbischof Wolf Dietrich im Jahre 1596 in Auftrag gab.
Laut Zeitzeugen nannte man sie bei ihrer Einweihung „die gläserne Kirche“, weil der polierte Marmor wie ein Spiegel wirkte. Anfangs tat das glänzende Blendwerk auch seine Wirkung, aber der Drang nach religiöser und persönlicher Freiheit war bei vielen Knappen doch größer.

Joseph Schaitberger
Ein prominentes Sprachrohr dieser Unbeugsamen war Joseph Schaitberger, geboren im Jahr 1658, von Beruf Bergmann und Nebenerwerbsbauer vom Schröckengut am Dürrnberg. Sein gut dokumentiertes Schicksal steht stellvertretend für die Vertreibung der vielen Salzburger Protestanten, die im Jahre 1731 und 1732 mit der Ausweisung von rund 20.000 Einwohnern ihren unrühmlichen Höhepunkt erreichen sollte. Joseph Schaitberger wurde nach fruchtlosen Bekehrungsversuchen innerhalb weniger Tage des Landes verwiesen. Er durfte keine Güter verkaufen und musste auch seine acht Kinder zurücklassen, da diese, als Katholiken getauft, sozusagen der Kirche gehörten. Im Exil in Nürnberg schilderte Joseph Schaitberger eindrucksvoll seinen ergreifenden Glaubensweg. Diese sogenannten Sendbriefe verbreiteten sich schnell unter den Anhängern Luthers und dienten vielen Ausgewiesenen als Rückhalt auf ihrem schweren Weg in eine neue Heimat.

Die Kirche in Eben-Ezer, im amerikanischen Bundesstaat Georgia, wurde 1767 von Salzburger Emigranten erbaut.

Die Kirche in Eben-Ezer, im amerikanischen Bundesstaat Georgia, wurde 1767 von Salzburger Emigranten erbaut.

Die neue Heimat
Im Jahre 1732 machten sich 780 ausgewiesene Dürrnberger auf den Weg in das neue Domizil nach Holland. Sie verließen Hallein mit dem Schiff, mussten dann aber wegen starken Eisgangs auf der Donau bei Minus 25 Grad zu Fuß nach Regensburg weiterziehen. Jeder Fünfte sollte die strapaziöse Reise nicht überleben. Andere Salzburger konnten sich auf Einladung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. im Gebiet des heutigen Litauen ansiedeln. Die weiteste Reise führte bis in den amerikanischen Bundesstaat Georgia, wo eine Gruppe Salzburger Emigranten die Kolonie in Eben-Ezer gründete. Die Nachfahren leben noch heute dort und treffen sich regelmäßig in einer Salzburger Vereinigung. Ja sogar eine Stiftung aus der Anfangszeit besteht noch.
Wie aber ist das Verhältnis der beiden Glaubensbekenntnisse in unserer Zeit? Rein in Zahlen gemessen leben in Hallein rund 11.000 Katholiken und 1.000 Evangelische. Bei einer gemeinsam veranstalteten Vortragsreihe im heurigen Frühjahr in den Halleiner Kirchen kam das ungetrübte Verhältnis durch eine kleine Anekdote zum Ausdruck: Da erzählte eine pensionierte Halleiner Lehrerin, wie sie seinerzeit für eine katholische Schul-Messfeier auf der Suche nach einem passenden Ausweichquartier war. Für den damaligen evangelischen Pfarrer Del Negro war das „Asylangebot“ seiner Kirche selbstverständlich. Gehalten hat die Feier der katholische Kooperator von Hallein, Hansjörg Hofer, der heutige Weihbischof der Diözese. Ausgrenzung war gestern, gegenseitige Hilfe, Überwindung der Barrieren und ein gemeinsames Dach sind die neuen Orientierungspunkte.

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Der Predigtstuhl
Im 17. Jh. trafen sich die Dürrnberger Protestanten bei einem Felsblock im Abtswald zu geheimen Andachten. Auch heute noch finden alljährlich zu Fronleichnam Gedenkfeiern statt. Erreichbar ist der Predigtstuhl von den Liftparkplätzen am Dürrnberg über den Protestantenweg in einer Gehstunde.

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