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Die Tennengauer Wirtschaft: Sorgenkind oder Vorreiter?

Tag für Tag erreichen uns neue, erschreckende Meldungen vom Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote steigt, Stellen werden nicht mehr nachbesetzt, Firmen müssen schließen und Unternehmen wandern ins Ausland ab. Doch wie sieht die Situation in unserem Bezirk aus? Ein genauer Blick auf die Tennengauer Wirtschaft zeigt: Produkte und Fachkräfte aus der Region sind immer noch begehrt.

Was wie ein ganz normaler Arbeitstag für die Mitarbeiter der MDF-Hallein GmbH begann, entwickelte sich zu einem schwarzen Tag in der Tennengauer Industriegeschichte. Am 16. Jänner 2014 wurde bekannt gegeben, dass das MDF-Werk, ein Unternehmen der Binderholz-Gruppe, schließen muss. Schon im März 2014 wurde das Werk dann stillgelegt. 111 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Halleiner Industriegeschichte

Der Fall MDF ist aber nicht das einzige Beispiel für wirtschaftliche Probleme in der Tennengauer Industriebranche. Aushängeschilder der Bezirkshauptstadt Hallein waren stets die Salzgewinnung am Dürrnberg sowie die Papierfabrik gewesen. Die Salzgewinnung wurde 1989 eingestellt. Die Halleiner Papierfabrik musste seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Eigentümerwechsel einstecken. Der Standort war über die Jahrzehnte hinweg in der Hand von englischen, norwegischen, schwedischen, deutschen und finnischen Unternehmen. Den meisten ist die Papierfabrik wohl unter dem Namen M-real bekannt. Im Jahr 2009 musste M-real die Papierproduktion jedoch einstellen. 2011 wurde das Unternehmen an die Schweighofer-Gruppe verkauft und heißt seitdem Schweighofer-Fiber. Unter der neuen Führung konnte sich das Unternehmen nun als einer der wichtigsten Zellstoff-Lieferanten Österreichs etablieren.

Pleite gegangen ist 2008 auch der in Hallein ansässige Tampon-Hersteller Johnson & Johnson. Stellenkürzungen gab es zudem bei der Firma Bosch und Turbulenzen bei der Emco-Privatklinik am Dürrnberg.

Kein Grund zur Panik

So besorgniserregend diese Firmenschließungen klingen – wirft man einen näheren Blick auf die gesamte Tennengauer Wirtschaft, kann Entwarnung gegeben werden, meint Maximilian Klappacher, Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer in Hallein: „Die Kündigungen der letzten Jahre waren schlimm, aber es kann trotzdem weitergehen. Das hat der Tennengau bewiesen“. Noch immer gibt es im gesamten Bezirk namhafte Unternehmen, die international tätig sind. Das LEUBE Kalkwerk in Golling, die Zerkleinerungsfirma Untha in Kuchl und Bosch sind nur einige unter vielen Firmen, die regional produzieren und trotzdem global stark am Markt vertreten sind. Dass diese Unternehmen nicht ins Ausland abwandern, liege vor allem an den vielen Fachkräften aus der Region, erklärt Klappacher: „Die Betriebe brauchen hochqualifizierte Mitarbeiter. Durch die diversen Ausbildungsstätten im Tennengau ist sicher gestellt, dass sie die auch bekommen“.

Arbeitslosigkeit immer noch niedrig

Auch ein Blick auf den Tennengauer Arbeitsmarkt gibt ganz klar Entwarnung. Obwohl die Arbeitslosigkeit zwischen 2014 und 2015 im Tennengau so stark angestiegen ist, wie in keinem anderen Bezirk, darf man sich mit 5,8 Prozent immer noch über die niedrigste Arbeitslosenrate im gesamten Bundesland Salzburg freuen. Auch die MDF-Kündigungen wirken sich längerfristig betrachtet nicht negativ auf den Tennengauer Arbeitsmarkt aus, erklärt Andrea Rainer-Laubenstein, Regionalleiterin des Arbeitsmarktservices (AMS): „Die ehemaligen MDF-Mitarbeiter waren – wenn überhaupt – nur sehr kurz beim AMS vermerkt“. Vor allem das hohe Ausbildungsniveau habe ihnen schnell wieder zu einer neuen Anstellung verholfen, weiß die Expertin: „Es handelte sich um viele Fachkräfte und HTL-Absolventen. Das Interesse der Salzburger Unternehmen war deshalb sehr groß. Bei vielen gab es einen nahtlosen Übergang von einem Dienstverhältnis zum nächsten“.

Die Sorgenkinder am Arbeitsmarkt

Probleme gebe es laut Rainer-Laubenstein jedoch dann, wenn gesundheitliche Probleme die Jobsuche behindern: „Die Firmenschließungen haben den Tennengau zwar stark getroffen, sie tragen aber nur einen geringen Teil zur derzeitigen Arbeitslosigkeit bei. Besorgniserregend ist vielmehr, dass mittlerweile beinahe ein Drittel aller vorgemerkten Arbeitssuchenden gesundheitliche Einschränkungen hat“. Würden sich diese gesundheitlichen Probleme dann mit einer schlechten Ausbildung überschneiden, nehmen die Chancen auf einen Wiedereinstieg in das Berufsleben stark ab, erklärt Rainer-Laubenstein. Immerhin rund 650 Personen waren im ersten Halbjahr 2015 beim Halleiner AMS vorgemerkt, deren höchstes Ausbildungsniveau der Pflichtschulabschluss ist. Blickt man gleichzeitig darauf, welches Ausbildungsniveau die Unternehmen verlangen, zeigt sich der Kern des Problems: Mehr als zwei Drittel aller Jobangebote verlangen zumindest einen Lehrabschluss.

Ähnlich schwer haben es ältere Personen und ausländische Arbeitskräfte im Tennengau. Im ersten Halbjahr 2015 ist die Arbeitslosigkeit bei älteren Personen ab 50 Jahren überdurchschnittlich stark gestiegen, nämlich um 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist fast doppelt so viel wie der Anstieg dieser Personengruppe im gesamten Bundesland Salzburg. Probleme haben auch ausländische Arbeitskräfte. Hier ist die Arbeitslosenquote um 18 Prozent im Vergleich zu 2014 gestiegen. Bezogen auf die verschiedenen Branchen konnte das AMS den stärksten Zuwachs an Arbeitslosen im Bauwesen beobachten.

Ein Blick in die Zukunft

Welches Zeugnis kann man also der Tennengauer Wirtschaft und dem heimischen Arbeitsmarkt ausstellen? Sind die Sorgen von bösen Zungen begründet, oder ist der Tennengau ein Beispiel dafür, dass man in der Region noch erfolgreich wirtschaften kann? Der Halleiner WKS-Chef Klappacher kritisiert, dass im Alltagsmund und in den Medien oft ein falsches Bild vom Tennengau gezeichnet werde: „Hallein ist ein typisches Beispiel dafür. Immer wieder wird gesagt, die Innenstadt sei am Aussterben. Dabei stimmt das gar nicht, es machen immer wieder neue Betriebe auf“. Generell gibt Klappacher Entwarnung und blickt auf eine positive Zukunft der Tennengauer Wirtschaft. Auch die Zahlen vom Arbeitsmarkt bestätigen das. Entscheidend scheint die passende Bildung zu sein. Vor allem in der Industriebranche scheinen Arbeitskräfte von Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) und Fachhochschulen im Tennengau keine Probleme zu haben – selbst dann, wenn Firmen schließen. Heikel wird es bei niedrigeren Schulabschlüssen oder gesundheitlichen Einschränkungen.

Die Schließungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass sich auch der Tennengau langsam auf einen Wandel einstellen muss – und zwar was die Branchen betrifft. Die vorherrschende Branche sei zwar immer noch die Industrie, erklärt Klappacher, jedoch sei eine deutliche Entwicklung hin zum Gewerbe zu erkennen. Wo einst noch Großunternehmen als Aushängeschild fungierten, werden künftig mehrere klein- und mittelständische Unternehmen die Tennengauer Wirtschaft anheizen. Katharina Maier

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