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Die Kräuter, die wichtig für dich sind, finden dich!

Familie und Pflanzen liegen Waltraud Auer am Herzen. DIE TENNENGAUERIN besuchte die ausgebildete Kinder- und Kräuterpädagogin bei ihr daheim – dort, wo alles so gedeiht, wie es im Einklang mit der Natur am besten geht.
Ein Artikel von Sylvia Schober
Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Im Garten von Waltraud Auer, am Hutzlhof hoch über Abtenau, blüht und grünt es bereits prächtig. Verschiedenste Kräuter sind hier neben duftenden Blumen zu finden. „Alles, was hier wachsen will, darf wachsen“, erklärt die Kräuterpädagogin ihr Gartenprinzip, „Pflanzen sind ja auch etwas fürs Gemüt und sollen wieder das Auge für das Kleine schulen.“
„Modische Exoten“ sind in Waltraud Auers Garten nicht zu finden: „Mein Superfood ist die Brennnessel“, sagt sie, „die wächst sowieso vor dem Haus.“ Und doch, einige Neophyten, also Pflanzen, die sich in Gebieten ansiedeln, in denen sie zuvor nicht heimisch waren, fühlen sich hier wohl. Sie werden durch Reisende in andere Regionen gebracht, der Klimawandel macht das Gedeihen möglich: „Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass dieser Neuzuwachs oft an Stellen wächst, wo die Erde geheilt werden muss, an kahlen Stellen beispielsweise, nach Erdrutschen oder auf Schutthalden“, erklärt Waltraud Auer, „es ist zu beobachten, dass auch das ungeliebte Springkraut zwar zunächst scheinbar wild wuchert und fast nicht auszurotten ist, aber nach einiger Zeit reguliert sich das Ausbreiten von selber. Man muss der Natur nur ihre Ruhe lassen dafür.“

„Lass dich finden“
Mit offenen Augen für alles was da wächst, ist Waltraud Auer rund um das Haus unterwegs: „Kräuterwanderungen mache ich am liebsten durch hauseigene Gärten und Wiesen. Dort wächst genau das, was einem guttut.“ Kräuter, weiß die Fachfrau, wirken nicht bei jedem gleich. Pflanzen sind aus vielen Inhaltsstoffen zusammengesetzt und die Menschen können auf verschiedene Komponenten eben unterschiedlich reagieren. „Die Kräuter, die du gerade brauchst, finden dich!“ Deshalb schaut sie genau hin, was um sie herum wächst. So fiel ihr vor einiger Zeit auf, dass plötzlich die echte Nelkenwurz in ihrem Garten richtig gut gewachsen ist. Schon im Mittelalter wurde die Pflanze als Mittel gegen Zahnweh eingesetzt und wirkt auch heute noch, denn: „Kurz darauf bekam meine Tochter heftige Zahnschmerzen und ich hatte zur Linderung die Nelkenwurz griffbereit im Garten.“

Kleine Blume – große Wirkung
Mittlerweile haben sich der dreijährige Simon und Hofhund Aki zu uns gesellt. Simon war gerade noch damit beschäftigt, sich mit einem Kugelschreiber ein „schönes Bild“ auf Gesicht und Körper zu malen. Jetzt hilft er seiner Mama, auf der Wiese Gänseblümchen für eine Tinktur zu pflücken: „Das Gänseblümchen wirkt wie Arnika, ist aber milder“, weiß die Kräuterpädagogin, „sie ist eine echte Kinderpflanze.“ Kleinere Prellungen, Quetschungen oder Abschürfungen, wie sie beim Toben und Spielen passieren können, werden mit der Tinktur behandelt. „Weißt du eigentlich, dass das Gänseblümchen eine verlässliche Wetterzeigepflanze ist?“, fragt sie, während sich das Glas in ihrer Hand füllt, „lassen die Gänseblümchen schon morgens ihre Köpfchen zu, kannst du dir sicher sein, dass es ein nasser Tag wird.“ Apropos, die Expertin rät, Kräuter nur bei trockenem Wetter zu ernten, aber nie in der Sonne direkt zu trocknen, da sich sonst die ätherischen Öle schnell verflüchtigen.

Wund(er)mittel am Wegrand
Beim Rückweg zum Haus deutet Waltraud Auer auf einige Blätter in der Wiese: „Das ist der Breitwegerich“, erklärt sie, „den haben wir bei Wanderungen schon als Blasenpflaster-Ersatz erfolgreich getestet.“ Die Blätter einfach auf die Blase legen, Socken darüber und fertig. Die Blätter des Wegerichs bleiben auch nicht an der Blase kleben. Sein Verwandter, der Spitzwegerich, eignet sich hervorragend als Mittel gegen Insektenstiche: „Das Blatt zwischen den Fingern anreiben und dann auf den Stich legen. Die Wunde schwillt kaum an und tut nicht mehr so weh.“ Auch für kleinere Verletzungen unterwegs nimmt sie Wegerich als Verband: „Ein cooles grünes Pflaster stoppt die Schmerzen und Tränen“, weiß die dreifache Mutter.

_MG_4643Kleine Pflänzchen (er)ziehen
Wir nehmen nun Platz auf der sonnigen Hausbank, Aki legt sich zu unseren Füßen. Wie Waltraud an diesen idyllischen Ort gekommen ist? „Ich bin gebürtige Niederösterreicherin und habe eine Freundin in Abtenau besucht. Auf einer Party habe ich meinen Mann kennen gelernt.“ Das Landleben stand nicht auf dem Lebensplan der gelernten Kindergartenpädagogin, aber, wie so oft, kommt es anders. Sie zog hier auf den Hutzlhof und begann eine Lehre als Buchhändlerin. „Mit Interesse blätterte ich ab und zu in einem schön bebilderten Kräuterbuch, aber erst nach der Geburt meiner Kinder begann ich mich intensiver mit dem Thema Kräuter, Heilkunde und Ernährung zu beschäftigen.“ Waltraud absolvierte die Ausbildung zur Kräuterpädagogin und Wanderführerin und ist ausgewiesene FNL-Kräuterexpertin im ältesten österreichischen Kräuterverein.

Die Top-Five im Kräuterbeet
In dieser Funktion freut sie sich auf ein neues Projekt. Sie wurde damit beauftragt, den alten Bauerngarten beim Heimatmuseum Arlerhof in Abtenau themengerecht zu bepflanzen. Was gehört ihrer Meinung nach denn als Top-Five in einen Gewürzkräutergarten? „Unbedingt Dost (Majoran), das ist unser Pizzakraut oder auch ideal für Kräutersalz.“ Auch Thymian rät die Kräuterexpertin, dieser dient sowohl als Gewürz als auch als Hustenpflanze. Waltraud nimmt eine Flasche vom Tisch: „Magst den Lieblingssaft meiner Kinder probieren? Das ist Melinze-Sirup, aus Melisse und Minze.“ Die erfrischende Minze sollte im Gewürzgarten nicht fehlen, allerdings: „Bei kleinen Kindern lieber die Apfelminze nehmen, Pfefferminze ist zu stark.“ Den Liebstöckl, besser bekannt als „Maggikraut“ mag Waltraud ebenfalls nicht missen. Und Ysop, sowohl als Fleischwürze, aber auch zum Räuchern.

Heilbringende Rauchzeichen
Apropos – wird auch im Sommer bei Waltraud geräuchert? „Ja natürlich!“ Nicht nur zur Sommersonnenwende am 21. Juni, sondern auch situationsbedingt, wie vor einem Gewitter schwingt Waltraud den Gewitterstab, der verschiedene Kräuter beinhaltet: „Der nimmt die Spannung aus der Luft – wirkt auch bei Belastungen innerhalb einer Familie“. Das klingt doch etwas mystisch, ist Waltraud vielleicht eine Kräuterhexe? „Wenn man mich so sehen will, ist es für mich ein Kompliment. Ich hab auch schon probiert, den angeblich magischen Stechapfel oder die Alraune anzupflanzen. Die wurden bei mir aber nichts, da werde ich sie eben nicht brauchen“, schmunzelt sie.

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen
Die Gänseblümchen sind nun mit Biokorn bedeckt, für Blüten und Blätter reicht ein Alkoholgehalt von 40 %, bei Wurzeln braucht man Korn mit ca. 60 bis 70 % Alkohol, um die Inhaltsstoffe herauszulösen. „Es ist mir ein großes Anliegen, bei Kräuterwanderungen den Menschen zu vermitteln, dass sie immer nur so viel ansetzen sollen, wie sie wirklich benötigen und mit den Ressourcen respektvoll umgehen.“ Die Tinktur nun vier bis sechs Wochen stehen lassen, danach abseihen und sie ist einsatzbereit. Gegen alles, so scheint es tatsächlich, ist ein Kraut gewachsen. Wie steht es dann mit der Dummheit? „Dagegen ist mir noch nichts untergekommen“, lacht Waltraud und fügt ernster hinzu: „Viel mehr haben die Menschen heute mit Stress, innerer Getriebenheit und damit verbundener Nervosität zu tun. Dagegen allerdings hilft so manchen ein Mittel aus dem Garten von Mutter Natur. Man muss sich nur ein bisschen darauf einlassen.“

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